Kirche St. Martin
Endecken Sie Kirchbühl
Geschichte
1. bis 6. Jahrhundert
Kirchbühl: schon früh ein beliebter Wohnsitz
Wie stark war die Region Sempachersee im 1. bis 4. Jahrhundert besiedelt? Das wissen wir heute nicht genau. Es gibt nur wenige Siedlungsspuren aus dieser Zeit. Neben Funden in Sursee, Schenkon, Eich und Nottwil sticht ein Ort aber besonders hervor: die Terrasse von Kirchbühl oberhalb von Sempach.
Kirchbühl mit seiner herrlichen Aussicht auf Berge und See war schon im 1. Jahrhundert besiedelt. Darauf deuten Grabungen hin, die 1958/59 auf Kirchbühl durchgeführt wurden. Archäologen stiessen auf Mauern und im Bereich des heutigen Chors auf einen Mörtelboden aus dem 1. oder 2. Jahrhundert.
Mauern und Mörtelboden gehören beide zur römischen Siedlung auf Kirchbühl. Die Verputzreste deuten auf eine Villa hin. Ausserhalb der Kirche wurden auf Kirchbühl bislang keine Ausgrabungen gemacht. Historiker gehen davon aus, dass weitere Spuren aus der Römerzeit und dem Mittelalter auch ausserhalb zu finden wären.
Strassenstation oder nicht?
Bei denselben Ausgrabungen stiess man ebenfalls auf einen quadratischen Mauerbau (Geviert), der die römischen Mauerreste durchtrennt. Er dürfte aus der Zeit zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert stammen. Interessant ist, dass die Steine der römischen Villa für den Bau des Gevierts verwendet wurden.
Die Forschung vermutet, dass das Geviert auf Kirchbühl an einer Strasse lag, die zu römischer Zeit über den Brünig und den Grimsel führte. Eine Verbindung, die allerdings weniger bekannt und genutzt worden war als die römischen Routen über den Simplon oder den Grossen St. Bernhard. Das Mauergeviert aus dem 3. bis 6. Jahrhundert könnte also eine Strassenstation (mansio) gewesen sein.
8. bis 11. Jahrhundert
Erste Kirche auf Kirchbühl
Die erste Kirche auf Kirchbühl wurde vermutlich um das Jahr 800 errichtet. Obwohl der Grundriss dieser ersten Kirche nicht mehr sichtbar ist, lässt er sich anhand der gefundenen Gräber nachvollziehen.
Es wird angenommen, dass die Kirche auf Kirchbühl seit ihrer Gründung dem Heiligen Martin geweiht war. Martin, der von 316 bis 397 lebte und später Bischof von Tours wurde, war ein bedeutender Heiliger. Da solche Patrozinien nach 850 kaum mehr begründet wurden, unterstützt dies die Datierung der ersten Kirche auf die Zeit um 800.
Doch bereits vor dem Bau der ersten Kirche wurden Bestattungen auf Kirchbühl durchgeführt. Die älteste Gräbergruppe stammt aus der Zeit zwischen 600 und 650 und umfasst acht Individuen in zwei Grabreihen.
Eine grössere Gruppe von Gräbern datiert auf die Zeit zwischen 650 und 780. Hier fanden sich 17 Gräber, darunter 10 Steinplattengräber, die in vier bis fünf Reihen angeordnet waren.
Erste Kirche, zweite Kirche …
Mitte des 11. Jahrhunderts wurde sehr wahrscheinlich auf dem Fundament der ersten Kirche eine zweite errichtet. Von diesem Bau sind die Nord- und Südfassade heute noch gut zu erkennen. Der Westabschluss wurde bei Ausgrabungen gefunden und entspricht der aussen sichtbaren Mauer. Obwohl ein klarer Hinweis auf den Ostabschluss fehlt, geht man von einer rechteckigen Struktur mit den Massen 12,5 Meter mal 7,9 Meter aus.
12. bis 14. Jahrhundert
St. Martin erhält einen Turm
Die Kirche auf Kirchbühl war schon früh ein wichtiger Bezugspunkt für die Menschen am oberen Sempachersee. Ab 1275 ist Kirchbühl als Pfarrkirche nachgewiesen. Die einfache, rechteckige Kirche aus dem 11. Jahrhundert veränderte sich im Laufe der Jahre – sie wurde grösser und erhielt einen Turm.
Kirchbühl war im frühen Mittelalter vermutlich das Zentrum der Besiedlung im Gebiet des oberen Sempachersees. Ab 1275 ist Kirchbühl als Pfarrkirche nachgewiesen. Zu ihr gehörten damals die Filialkapellen St. Stefan im Städtchen Sempach sowie die Kapellen in Adelwil und Hildisrieden.
Die einfache rechteckige Kirche aus dem 11. Jahrhundert wurde im Laufe der Zeit immer wieder erweitert und verändert. Um das Jahr 1100 vergrösserte man zunächst den Chor um etwa 4 Meter. Später kam ein Vorzeichen hinzu, wodurch die seitlichen Eingänge wegfielen.
Auch ein Turm wurde errichtet. Dieser erste Turm, um 1200 gebaut, ist noch heute bis zu einer Höhe von 6,5 Metern gut zu erkennen. Er hatte damals vermutlich eine Gesamthöhe von 7 bis 8 Meter.
Der Turm wächst in die Höhe
Um 1260 wurde der Turm erhöht. Dies lässt sich dank einer Untersuchung des Holzes genau datieren. Der Turm hatte nun eine Höhe von fast 12 Metern und reichte bis zum heute noch sichtbaren umlaufenden Gesims.
Bei dieser Erhöhung wurden die oberen 2 Meter des alten Turms abgebrochen. Interessanterweise wurden die alten Schallöffnungen für die Glocken beim Umbau wiederverwendet und einfach nach oben versetzt. Sie sind heute direkt unter den neuen Schallöffnungen zu sehen.
Im Besitz des Klosters Murbach
Um 1311 wurde das Kirchenschiff vergrössert. Man verlängerte es nach Westen um 4,8 Meter und erhöhte es um 1,3 Meter. Ausserdem bekam das ganze Schiff neue Fenster. Diese sind auf der Nordseite noch sehr gut zu sehen. Auf der Südseite ist nur noch ein Fenster erhalten geblieben.
Aus dieser Zeit stammen auch zwei wichtige Ausstattungsstücke: Ein Kruzifix aus dem 11. Jahrhundert, das heute im Rathausmuseum von Sempach steht, und eine thronende Madonna mit Kind aus der Zeit um 1200, die sich im Depot des Schweizerischen Landesmuseums befindet.
Der Historiker Christoph Rösch vermutet, dass die Kirche spätestens ab 1234 im Besitz des Klosters Murbach war. Sicher nachgewiesen ist dieser Besitz aber erst für das Jahr 1288.
14. Jahrhundert
Bedeutsame Wandmalereien
Die Wandmalereien von St. Martin sind das früheste und vollständigste Beispiel in der Innerschweiz für die Ausmalung eines mittelalterlichen Kirchenraums. Ihr Thema ist der Tod und die Erlösung der Menschheit durch Christi.
Schummriges Zwielicht empfängt den Besucher der Kirche St. Martin beim Eintreten. Haben sich die Augen einmal an die Lichtverhältnisse gewöhnt, fallen die drei vollständig bemalten Kirchenwände auf.
Die Wandmalereien von St. Martin sind in einem schlechten Zustand. Aus der Zeit zwischen 1300 und 1600 stammend, sind sie heute verblichen, übermalt und zum Teil zerstört. Dabei sind sie von grosser Bedeutung. Sie sind das früheste und vollständigste Beispiel in der Innerschweiz für die Ausmalung eines mittelalterlichen Kirchenraums.
Die Wandmalereien erfüllen weniger den Sinn einer Armenbibel, die dem leseunkundigen Kirchengänger die Heilsgeschichte vor Augen führt. Ihr Thema sind vielmehr die vier letzten Dinge, wie sie in der Vorstellung von Gläubigen vorkommen: der Tod als Schnitter, das Gericht in der Figur des Heiligen Michael mit der Seelenwaage, der Himmel mit Christus und Maria sowie die Hölle, in der die Verdammten Qualen erleiden.
Drei Wandmalereien sind besonders imposant und stechen hervor:
Der Heilige Christophorus, überlebensgross an der Nordwand dargestellt, verkörpert Hoffnung und Schutz vor dem Höllenschicksal. Sein Anblick sollte den Betrachter vor dem jähen, unvorbereiteten Tod bewahren – ein Tod, den die Menschen im Mittelalter im Gegensatz zum «wohlvorbereiteten Tod» fürchteten.
An der Südwand begegnen drei lebende Edelleute drei Toten. Ein klassisches «Memento mori»: Die Toten erinnern die Edelleute an die Vergänglichkeit des Lebens und mahnen, ihren ausschweifenden Lebenswandel zu überdenken. Die Legende der drei Lebenden und drei Toten breitete sich ab 1250 von Frankreich über Westeuropa aus. Die Darstellung auf Kirchbühl gehört zu den frühesten monumentalen Darstellungen dieses Themas ausserhalb Frankreichs.
Die Höllendarstellungen an der Nordwand zeigen, wie die armen Sünder auf unterschiedliche Art von rothäutigen Teufeln und unter Aufsicht des Höllenfürsten gequält werden.
Stilistisch gehören die Wandmalereien der sogenannten Manesse-Zeit der berühmten Heidelberger Liederhandschrift an. Vergleichbar mit den Wandmalereien sind die leicht jüngeren Wandmalereien in Büron LU, die trotz besser erhaltener Farbigkeit nur ein Bruchstück darstellen, sowie das Fragment einer Christophorus-Darstellung im Kreuzgang des Luzerner Franziskaner-Klosters.
15. Jahrhundert
St. Martin erhält einen neuen Chor
Die erste Kirche von Kirchbühl im 8. Jahrhundert hatte wohl noch keinen eigentlichen Chor. Erst um 1100 wurde auf der Ostseite der Kirche ein rechteckiger Chor angebaut. Der heutige Choranbau stammt allerdings aus dem Jahr 1490.
Weshalb erhielt St. Martin 1490 einen neuen Chor? Beim grossen Brand der Stadt Sempach von 1477 wurde auch die Leutpriesterei beschädigt. Deshalb entschied das Stift St. Leodegar in Luzern, den Leutpriester bei der Pfarrkirche auf Kirchbühl unterzubringen und nicht mehr in der Stadt Sempach.
Die Präsenz des Leutpriesters auf Kirchbühl führte dazu, dass Kirchbühl erneuert wurde. Der Turm wurde erhöht, der Chor angebaut, das Fenster auf der Südseite angebracht.
Das Schiff hätte von der Kirchgemeinde Sempach auch noch umgebaut werden müssen. Das wurde aber hinfällig, denn schon der 1491 neu gewählte Leutpriester wohnte wieder in der Stadt Sempach.
Erst 1583 wurde der Chor ausgemalt. Das war vermutlich die letzte grössere Investition auf Kirchbühl. Im Gewölbe sind die 12 Apostel ersichtlich, oben die vier Evangelisten und die vier Kirchenväter. Die Schlusssteine sind mit dem heiligen Martin und dem leidenden Christus versehen.
16. Jahrhundert
Das Beinhaus, ein unscheinbares Bijoux
Unscheinbar, schon fast leicht versteckt, steht das Beinhaus rechts neben dem Eingang zum Kirchenbezirk. Der spätgotische Bau fasziniert mit seinen Gebeinen und Totenschädeln an den Wänden.
Erst im späten Mittelalter wurden Beinhäuser aktuell. Ein solches könnte sich auf Kirchbühl ab dem 14. Jahrhundert im Bereich des heutigen Südeingangs der Kirche befunden haben. Es war an den Turm angebaut und hatte etwa denselben Grundriss wie der Turm. Bei Ausgrabungen stiess man auf die Fundamente dieses Anbaus.
Das heutige Beinhaus wurde allerdings erst 1575 gebaut. Es steht unscheinbar rechts neben dem Eingang zum Kirchenbereich. Da man beim Eintreten in diesem Bereich von der Südansicht der mittelalterlichen Kirche fasziniert ist, bemerkt man das Beinhaus zuerst gar nicht.
Das Beinhaus ist ein spätgotischer Bau, an dem die Holzgitter der Fenster auffallen. Im Innenraum faszinieren die Totenschädel mit den Gebeinen an den Wänden. Die Wandmalereien aus der Bauzeit sind sehr blass geworden.
Erkennbar sind noch heute:
An der östlichen Wand: Christus im Garten Gethsemane. Das Bild sollte als Mahn- und Trostbild dienen: Christus, der trotz Todesangst im Gebet Kraft findet.
An der westlichen Wand: die Muttergottes mit einer weiteren weiblichen Heiligen mit Buch.
In die Totenleuchte auf der Ostseite ist das Jahr 1727 eingemeisselt. Abends wurde in dieses Gehäuse eine Öllampe gestellt. Als Armeseelenlicht sollte es böse Geister fernhalten und gedachte es der Toten.
19. Jahrhundert
1832: die letzte Bestattung auf Kirchbühl
Schlichte, eindrückliche Eisenkreuze zeugen von der Bestattungskultur auf Kirchbühl. Sie stammen aus unterschiedlichen Zeiten und waren früher bunt und zum Teil feuervergoldet.
Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden auf Kirchbühl Menschen bestattet – zum letzten Mal 1832. Weshalb 1832 zum letzten Mal? Dann wurde in Sempach die Pfarrkirche St. Stefan gebaut. Sie löste die Kirche St. Martin auf Kirchbühl als Pfarrkirche von Eich, Hildisrieden, Wartensee, Adelwil und Sempach ab. Mit dem Bau der neuen Pfarrkirche 1832 wurde auch der Friedhof nach Sempach verlegt.
Bei archäologischen Ausgrabungen im Kirchenbezirk wurden unter anderem Skelette gefunden. Die frühsten werden in die Jahre 600/650 und 800 datiert – eine Zeit, in der auf Kirchbühl noch keine Kirche stand. Sie zeugen von der Besiedlung des Weilers auch in der Zeit nach den römischen Bauten.
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